Die grauen Monate sind so langsam vorbei. Auch hier war es ruhig geworden, da es wenig besonderes zu berichten gab. Normale Trainingsläufe sind so interessant wie der Sack Reis in China. Zumindest wenn sie einfach passieren und auf keinem besonderen Niveau stattfinden.
Mit den heutigen Sonnenstrahlen hat sich das aber wieder geändert. Aufgestanden mit dem Verlangen zu laufen. Dabei hatte ich gestern schon eine Runde am Rhein mit guten 18km gedreht. Also eigentlich kein Grund heute unbedingt an laufen zu denken. Eigentlich wäre ich auch viel lieber aufs Rad gestiegen, aber der Schnee auf dem Dach erinnert mich daran, dass es draußen gerade mal so 0° sind. Also ideales Laufwetter, da die Wege wieder frei sind und der Sonntag ideal geeignet ist, um nicht um dunkeln Kilometer zu fressen.
Der Silvesterlauf liegt auch schon wieder Monate zurück und aufgrund eines neuen Jobs wollte ich die Konzentration erst einmal nicht auf Wettkämpfe richten. Somit sind die Anmeldungen bisher auch für die wenigstens Wettkämpfe draußen und ich entscheide lieber spontan, was Spaß macht und mich zeitlich nicht überfordert. Das Jahr steht trotzdem ganz klar im Zeichen des Triathlons und wenn ich über den Winter etwas sehr regelmäßig gemacht habe, waren das die Schwimmeinheiten. Und es zahlt sich aus. So langsam werde ich schneller und was wichtiger ist, die Ausdauer ist dramatisch gestiegen. Der Rhythmus ist da und ich freue mich auf jedes Schwimmtraining. Auch wenn ich mit traurigem Auge auf den Neoprenanzug schaue, der sich noch etwas gedulden muss.
Bald steht in Bonn der Marathon an und ich bin mir immer noch nicht sicher, ob und was ich dort laufen werde. Eigentlich war ein Halbmarathon angedacht, aber das schmeckt so gut wie laufwarmer Kaffee. Es wäre keine Herausforderung und ein weiterer Lauf, den man abhakt. Aufgrund der Teilnehmerzahl bestimmt keine Bestzeit und da ich aufgrund mangelnder Wettkämpfe noch nicht weiß wo ich stehe, wäre es doch viel interessanter den Marathon zu bezwingen. Sich zu zeigen, dass es möglich ist, zu kämpfen, an die Limits zu gehen. Leider will ich dafür nicht so viel Zeit opfern und verzichte im Moment noch eine Anmeldung, habe aber das Lauftraining etwas angezogen. Nein, sicherlich wäre ich nicht perfekt vorbereitet, aber die Grundkondition ist da. Und um irgendwie über die Strecke zu kommen, wird es so oder so reichen. Waren jetzt eine Stunde pro Tag opfern, um dann festzustellen, dass es in der Endzeit fast nichts gebracht hat. Immerhin steht bald auch noch Radtraining an, was ich für das Trainingslager im Mai dringend brauche. Kurz: ich will den Marathon, aber nicht zu dem Preis. Dann lieber ohne persönliche Bestzeit, da eine dramatische Steigerung nicht zu erwarten ist. Die Stimmung dort genießen und wissen, dass man es sich selber wieder gezeigt hat.
Heute aber geriet dies alles in Vergessenheit. Eigentlich war ein gemeinsamer Lauf geplant, der dann aber doch zum Single-Lauf wurde. Die Luft war zwar kalt, aber nicht mehr stechend, die Wege frei und 50% aller Läufer hatten sich das Gleiche gedacht und waren unterwegs. Also nach langer Zeit mal wieder richtig voll im Blücherpark. Aber erst mal eintraben und schauen, wonach es sich anfühlt. Kein Plan, erst recht kein Trainingsplan. Allerdings weiß ich, dass monotone Läufe bei mir eh keinerlei Trainingserfolg bringen. Somit entweder einfach nur genießen oder was spannendes einbauen. Nach dem ersten Kilometer war klar, dass es rund läuft. Mit schnellem Schritt zeigt ein Blick auf die Uhr einen Schnitt von 5min pro Kilometer ohne am Limit zu sein. Es geht eine Steigung einer Brücke rauf und die Muskeln schreien nach Bewegung. Gut, sollen sie bekommen. Die Kette an Läufern eignet sich gut als Orientierung, auch wenn sie heute als Statisten herhalten müssen. Die einigermaßen regelmäßig gesammelten Kilometer der letzten Monate zahlen sich aus und der Körper ist fit für die Saison. Nach dem Start lege ich mir den Plan für den Lauf bereit und baue auf meiner Hausrunde in Bilderstöckchen intensive Tempointervalle ein. Normalerweise mit einem schnellen 4.30min Schnitt bis 4min Schnitt zeigte ein Blick auf die Uhr, dass ich noch schneller unterwegs war. Der Schritt ist stark und zeigt vermutlich die intensive Arbeit am Rumpfapparat. Trotz Endbeschleunigung gestern wollen die Beine mehr, mehr Tempo, längere Sprints und noch mehr Geschwindigkeit. Alles spielt mit, keine Schmerzen, keine Atemlosigkeit, einfach Laufen, pur, klar, tief, schnell. Die kalte und unglaublich frische Luft tut ihren Teil dazu und lässt den Sauerstoff bis tief in die Lunge fließen. Die Ruhepausen zwischen den Sprints fliegen mit einem lockeren Schnitt von 5min/km vorbei. Noch immer kann ich es kaum glauben, denn noch vor wenigen Wochen, war an ein richtig schnelles Tempo nicht zu denken. Wo ist die nächste Brücke, das nächste gerade Stück, die nächsten Läufer in der Ferne? Fast schon spielerisch spule ich das Training herunter und es macht Spaß und Lust auf mehr. Ich habe wieder Blut geleckt und trete an meine Grenzen auszutesten und zu überschreiten. Noch zwei Runden im Park, davon jeweils ein Drittel im Sprint bevor die 9km Marke überschritten wird. Ausruhen kann man immer noch, also auf dem letzten Kilometer noch mal alles geben und versuchen die Anzeige unter einen 4er Schnitt zu drücken. 200m Ruhe, um die letzten 300m durchzusprinten. Geschafft, glücklich und voller Energie stehe ich vor der Tür.
Warum ich laufe? Genau deswegen.

